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Lehrer und Erzieher sind ratlos

Alle Vierjährigen müssen demnächst zum Sprachtest – eine neue Aufgabe für Erzieherinnen in Kindertagesstätten und Grundschullehrer, denn Förderunterricht gibt es schon vielfach.

Ein buntes Bild mit tanzenden Clowns steht in der Mitte auf dem Tisch, drumherum sitzen fünf Kinder. Die Jungen und Mädchen suchen aus einem Kasten farbige Stöpsel heraus und stecken sie in die dafür vorgesehenen Löcher auf dem Bild. „Der rote Stöpsel kommt hier in die rote Mütze“, ruft Benedikt ganz aufgeregt. Der Vierjährige kennt auch noch andere Farben: „Lila, Gelb, Blau.“ In den Gruppenstunden bei Erzieherin Angelika Müller in der katholischen Kindertagesstätte St. Audomar wird schon lange spielerisch die Sprachfähigkeit der Kinder gestärkt – auch andere Kindertagesstätten in Frechen haben bereits Erfahrungen mit der Förderung von sprachlichen Defiziten. Jetzt soll die Sprachförderung zur Pflicht werden. Erstmals müssen alle vierjährigen Kinder im März einen Sprachtest absolvieren, gab Schulministerin Barbara Sommer am Montag bekannt. Rund 1500 Kinder in Frechen sollen von Grundschullehrern in Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten begutachtet und im Falle von sprachlichen Defiziten gezielt fördert werden. So weit die Theorie.
Keine Details bekannt
Was aber die Umsetzung in die Praxis angeht, sind die Betroffenen vor Ort in den Schulen und Kindertagesstätten ziemlich ratlos. „Wir wissen nicht, wie das genau gehen soll“, sagt Eva Langhans, Leiterin der Kindertagesstätte St. Audomar, die auch bei dem Pilotprojekt „Familienzentrum“ mitmacht. Material liegt bisher noch nicht vor. Es gibt noch keine Kriterien, wer nach Meinung der Landesregierung in welchem Alter was können muss. Bisher richteten sich die Kindertageseinrichtungen nach ihren pädagogischen Erfahrungen im alltäglichen Umgang mit den Kindern, zogen daraus ihre Schlüsse und suchten das Gespräch mit den Eltern. Das Frechener Schulverwaltungsamt der Stadt ist ebenfalls noch nicht in die Einzelheiten des Verfahrens eingeweiht. Ansprechpartner ist das Schulamt des Rhein-Erft-Kreises. Gespannt warten auch die Eltern aller Vierjährigen in Frechen auf Klarheit: Im März findet in der Gerhard-Berger-Halle in Königsdorf eine Informationsveranstaltung statt, bei der Vertreter des Kreises das Testverfahren erläutern wollen.
Bisher ist noch komplett unbekannt, wie die Tests aufgebaut sind. Nur durch Zufall erfuhr die Kindertagesstätte St. Audomar von einer neuen Arbeitsgruppe des Kreises Düren, in der Ende Februar die „Testinstrumente der Sprachstand-erfassung“ vorgestellt werden sollen. „Um auf dem Laufenden zu sein, haben wir dort zwei Mitarbeiterinnen angemeldet“, sagt Eva Langhans und wundert sich darüber, dass der Rhein-Erft-Kreis bisher tatenlos blieb. Denn bereits im März soll es ja zur Sache gehen. Bei erkennbaren Sprachdefiziten müssen sich die Kinder dann im Mai einer zweiten individuellen Prüfung unterziehen. Erschwerend kommt dazu, sagt Eva Langhans, dass Partner aus unterschiedlichen Welten aufeinander treffen. Lehrer werden in Kita-Gruppen sitzen und Tests mit Kindern machen, die sie nicht kennen und die mit Schule bislang nichts zu tun hatten. „Es kann sein, dass Kinder vor lauter Schreck verstummen“, befürchtet Angelika Müller. „Nicht alle Kinder machen auf Kommando mit“, weiß die Erzieherin mit heilpädagogischer Zusatzausbildung aus Erfahrung. Die Tests setzen eine enge Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und Kindertagesstätten voraus. Das ist aber einfacher gesagt als getan. „Bisher gab es kaum Berührungspunkte zwischen Kindertagesstätte und Grundschule“, stellt Eva Langhans fest. Dass hier Mitarbeiter zweier staatlicher Instanzen – Lehrer sind Landesbedienstete, Kindergärtnerinnen Angestellte der Stadt – mit unterschiedlichem Selbstverständnis zusammenarbeiten müssen, macht die Sache nicht leichter.
Offen ist auch, wie medizinische Aspekte in den Test einfließen können. Denn oft sind Sprachprobleme von Kindern gar nicht die Folge eines Migrantenhintergrunds oder einer sozialen Benachteiligung. Sie können auch andere Ursachen haben. „Was ist mit den Kindern, die lispeln, stottern oder Buchstaben vertauschen?“, fragt sich Eva Langhans. Solche Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen brauchen nach Meinung von Langhans „unbedingt möglichst frühzeitig eine Therapie durch einen eigens dafür ausgebildeten Logopäden.“ Bisher ist die Möglichkeit einer sprachtherapeutischen Behandlung der Kinder innerhalb von Einrichtungen nicht gegeben, weil die Leistungen kassenärztlich abgerechnet werden müssen.
Das größte Problem, meint Langhans, dürfte jedoch sein, die Familien zu erreichen, deren Kinder nicht in eine Kindertagesstätte gehen. Auch wenn das in Frechen nur rund zwei Prozent der Vierjährigen sind, müssen die Familien trotzdem angeschrieben werden. Experten vermuten in dieser Gruppe die meisten Kinder mit Sprachproblemen. Doch was passiert, wenn sich Eltern dem obligatorischen Test verweigern sollten? Auch hier ist die Frage nach dem „Wie“ noch nicht geklärt. „Das ist ein echter Schnellschuss“, meint Eva Langhans und versucht wie immer, die Ruhe zu bewahren.

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